„DO GOOD FOOD AND TELL A GOOD STORY“: der „Food Entrepreneurs Club Summit“ bei StadtLandFood

Netter Barjazz am Klavier, schöne schlichte Blumenarrangements, shabby chic Möbel fürs Plenum – ein klassisches Tagungssetting sieht meistens anders aus. Aber dies war ja auch keine normale Tagung – es war der Kick-off für den frisch gegründeten „Food Entrepreneurs Club“ von Stefanie Rothenhöfer, die unter anderem für das Eventmanagement in der Markthalle Neun verantwortlich ist.

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Das Programm klang gut und in der Einführung von Luisa Weiss von „The Wednesday Chef“ (auf englisch – warum eigentlich?) fing es um die neue Food-Bewegung: Quereinsteiger, die ihre alten Job verlassen, um ein Restaurant auf zu machen, oder ihre Produkte auf dem Street Food Market anzubieten, die Markthalle Neun als neuer Fixstern in Sachen Food – in schwierigem heterogenen Umfeld, der neue Trend „Nachhaltigkeit, Regionalität und Fair Trade“.

Und ging es gleich gut los mit der ersten Runde:

Thema: „Is the Need for the Real and the Authentic just a Trend?“
Gäste waren: Onur Elci von der Kitchen Guerilla, Billy Wagner vom nobelhartundschmutzig, Vijay Sapre, Herausgeber der Effilee und Young-Mi Park-Snowden vom Kimchi Princess und Angry Chicken.

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde kristallisierte sich sehr schnell heraus, dass Authentizität ein essentieller Teil bei einer Unternehmung im Allgemeinen und im Foodbereich im Besonderen ist – und tatsächlich nicht nur ein Trend. Billy Wagner sagte dazu: „(…) ich mache immer nur, was ich will, nicht was der Gast, die Presse etc. will – ich bin ich…“.

Young-Mi Park-Snowden wollte authentische koreanische Küche anbieten, ohne Kompromisse, denkt aber jetzt über koreanische Gerichte ohne Knoblauch nach, wegen der Allergiker. Das war dann auch ein Thema, das intensiv besprochen wurde: die zunehmende Anzahl an Vegetariern, Veganern, Allergikern, und Menschen, die einfach Dinge aus einer Einstellungssache heraus nicht essen…

Onur Elci betonte die Authentizität auch mit der Biografie: „Ich kann als Türke keinen Kimchi anbieten“.Er betonte auch, er sei hinterfragt nicht, warum ein Kunde etwas nicht isst – aber wenn ein Meeresfrüchteabend geplant ist, dann kann und will er für Gäste mit Meeresfrüchteallergie keine Extramahlzeit kochen…

Billy Wagner sagte auch, dass er ohne Diskussion akzeptiert, wenn jemand etwas nicht essen möchte, und es ist ihm egal, ob der Gast eine Allergie hat, oder einfach eine Macke, aber manchmal ist er doch erstaunt, über die rücksichtslose Art einiger Gäste, eine Sonderbehandlung zu erwarten.

Young-Mi Park-Snowden stellte eine Veränderung im Kiez rund um das“ Kimchi Princess“ fest – und sie war offensichtlich in einem problematischen Kiez akzeptiert -denn „es gab nur einmal Graffiti“ – was einem Ritterschlag in Kreuzberg gleich käme…

Vijay Sapre gab ein wenig den Bad Boy, in dem er sagte, nach „Bio“ kam die „Nachhaltigkeit“  und jetzt die „Regionalität“- und in ein paar Jahren gibt es einen neuen Zug, auf den alle aufspringen.

Für den Verbraucher ist die Sache mit der Nachhaltigkeit nämlich schwer zu verstehen: FairTrade Mangos aus Thailand oder lieber Äpfel aus Brandenburg, ist Bio vom Aldi auch Bio? Muss man mit dem Fahrrad zur Domäne Dahlem, um es so richtig richtig zu machen? Und: mit dem Auto quer durch die Stadt zur Markthalle Neun um dort das „Schwein mit Gesicht“ von meinekleinefarm.de, oder das Fleisch von kuhpatenschaft.de, das Huhnabo von weggun.de abzuholen für das gute Gefühl. Oder gar kein Fleisch mehr? Und Soja ist ja auch böse…Schwierig!

Und natürlich waren alle Anwesenden erfolgreich mit dem, was sie tun, was ja im Gastrobereich nicht immer selbstverständlich ist. Interessant wäre hier auch jemand gewesen, der mit seiner Idee, für die er gebrannt hat, keinen großen Erfolg gehabt hat. So lässt es sich leicht kokettieren mit dem „ich bin, wie ich bin“.

Ähnlich ging es mit Cynthia Barcomi „Barcomi turns 20“ weiter.

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Rückblickend hat sie alles richtig gemacht – viel gearbeitet, dann gemerkt, dass es mit 4 (!) Kindern nicht geht, bis nachts um 1 zu arbeiten, sich Hilfe geholt, gute Mitarbeiter eingestellt – und nur 2 Geschäfte in Berlin, nicht mehr…das lässt ihr Raum für das Entwickeln von Rezepten, Kochbuch schreiben – und nicht zuletzt für die Familie.

Sie wollte eine Alternative für den industriell gerösteten Kaffee und das ihrer Meinung nach schlechte (sie hat so recht!) Brot im Berlin der Neunziger Jahre anbieten – und wurde schnell dafür belohnt, in dem die Leute ihr den Laden in der Bergmannstraße stürmten…eine kurzweilige Stunde mit einer authentischen und sympathischen Frau.

Und schon kam das nächste Thema:
„Do the right thing AND make profit“:

Gäste auf der Couch war Bernd Maier von der „Markthalle Neun“, Conny Suhr von „Princess Cheesecake“, Fabian Siegel von frisch gegründeten „Marley Sporn“ und Patrick Rüther, Geschäftsführer der Tim Mälzer- Restaurants „Bullere“ und „Altes Mädchen“ in Hamburg und dem „Hausmann’s“ am Frankfurter Flughafen, moderiert wurde diese Runde von Dr. Katharina Reuter.

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Es ging – natürlich- um Geld, um Profit, um die optimale Verbindung von Profession und Passion, um faire Preise, gute Produkte, klare Ansagen und Zufriedenheit. Ist man zufrieden, wenn man viel Geld verdient – und dabei keine Zeit für die Familie hat – oder ist man zufrieden, wenn man genug Geld hat und die Rente sicher ist? Bernd Maier sagte, er wird mit seinen beiden Partner (mit der Markthalle) nicht reich, aber da sie die Markthalle Neun dem Senat abkauften, sei seine Rente sicher, und er habe immer frisches gutes Essen- das sei doch auch schon viel wert.

Er sprach über die schwierige Integration der Markthalle in den Kiez, in die türkische Community und stellte noch mal fest, dass Aldi als Mieter in der Markthalle bleibe – und es für ihn eine große Freunde ist, wenn es sieht, dass die türkische Mutter nach dem Einkauf bei Aldi ein gutes Brot in der Markthalle kauft, oder dort einen Kaffee trinkt.

Conny Suhr, die ihre Kuchen im Princess Cheesekake mit Biozutaten und Produkte aus der Region verwendet, erzählte, dass sie beim Erstellen ihrer Kalkulation ein wenig erschrak, denn ein Stück Kuchen musste € 3,70 kosten – aber auf günstigere Zutaten umzusteigen kam für sie nicht in Frage. 2 Jahre machte sie keinen Gewinn – und hoffte darauf, dass die Kunden sich ihre Kuchen und Törtchen leisten, weil sie sich etwas gutes tun wollen, seltener aber dann mit vollem Genuss!

Patrick Rüther bestellt sein Fleisch für die Restaurants überwiegend in Argentinien (und vertraut, was die Tierhaltung betrifft seinem Lieferanten, und besucht die Rinderfarmen nicht selber) immer auf der Suche nach der besten Qualität – und er hat eine klare Einstellung zum Thema Gehalt: wenn alles bezahlt ist, den Mitarbeitern ein faires Gehalt gezahlt wird, und man schwarze Zahlen schreibt, dann kann man sich selber auch ein gutes Gehalt zahlen…

Fabian Siegel, mit seinem Online-Lieferdienst für Lebensmittel, war erst am Anfang, frisch gegründet, er kenne alle seine Kunden noch persönlich – und peilt 50.000 an, in dem er direkt bei den Produzenten bestellt und so hofft, einen kleinen Beitrag zu guten Lebensmitteln zu leisten – und die Leute wieder zum selber kochen zu bringen…

Nach einer kurzen Pause (die Pausen waren wirklich sehr kurz für so ein intensives  Programm) ging es weiter mit den Gründern des Michelberger Hotels, Tom Michelberger und Azar Kazimir und dem „Entrepreneurs Talk“.

Wobei: das Michelberger Hotel ist ja viel mehr als nur ein Hotel: Kreativ-Pool, Tagungszentrum, Bar, Konzertlocation, Café, eine eigene Booze Company und es gibt auch ein eigenes Getränk: Fountain of Youth (Kokoswasser, das man „zufällig“ auch während des Summits kaufen konnte und das Creative Direktor während des Vortrages trank…).
Tom Michelberger hatte dabei eine ähnliche Herangehensweise, wie Cynthia Barcomi: eine klare Vorstellung und jede Menge Kraft und Energie, die eigenen Vorstellungen um zu setzen, möglichst wenig Kompromisse einzugehen und…nicht zu expandieren – sondern das Hotel weiter zu entwickeln.
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Als letzten Programmpunkt gab es noch eine Runde zum Thema: „Your Produkt is only as good als your Communication skills“
Zu Gast waren: Kavita Meelu (Street Food Thursday und Hip Hop Burgers, Mothers Mother, Kitchensurfing Berlin), Paul Snowden (Agentur Snowden) und Anna Sinofzik (Die Gestalten), moderiert wurde diese Runde von Jasmin Steiger (Munchies).

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Es gab zuerst eine kleine „Werbeshow“ – alle Beteiligten stellte ihre Projekte vor:
Anna Sinofzik präsentierte ein neues Buch vom Gestalten Verlag: Knife and Fork – ein Kompendium über den optischen Aufritt einer neuen Generation von Food-Unternehmern, die individuell und doch durch dekliniert ihren Auftritt vom Logo über die Etiketten des Kaffees, und die Gestaltung des Marmeladenetikettes umsetzen.

Paul Snowdon, der Agenturbetreiber (Wasted German Youth) steht für eine etwas aggressivere Plakatierung – seine Entwürfe sind laut, bunt, poppig (z.B. Kimchi Princess, Angry Chicken).

Kavita Meelu, Netzwerkerin in Sachen neuer Foodkonzepte erzählte vom Street Food Thursday, forderte alle auf, „sich-etwas-trauen“:“…it is important to try things…“. Sie war übrigens die Einzige, die zu gab, auch mal gescheitert zu sein – mit einem Foodstand…

Alle waren sich einig, dass ein schöner Schein nicht alles ist, und dass ohne ein sehr gutes Produkt das schönste Design nichts hilft: eben: „do good food AND tell a good story“.

Kurz: der erste „Food Entrepreneurs Summit“ war eine gelungene Veranstaltung, mit vielen „Nachdenkerchen“, guten Leuten und gutem Spirit!
Mehr davon!

Da die Pausen ein wenig kurz waren, war an Essen während des Summits nicht zu denken, aber vor der Tür am Lausitzer Platz, waren ja zahllose Food-Stände, und nach einem Smashing Pumpking Sandwich mit Pulled Beef, Coleslaw und Kürbismayonnaise bei J. Kinski und eine Zimt und Zucker-Focaccia bei Sironi in der Markthalle Neun- war alles wieder gut, und ich hatte wieder Energie für den Rest der Podiumsdiskussion „Zwischen Artgerecht und vegan – welche Rolle spielen Tiere in einer bäuerlich-ökologischeren Landwirtschaft“!

Guter Tag!

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