Tauschen ist das neue Kaufen: FoodXchange und Bread Exchange in Berlin

Eines  meiner ersten Bücher, das ich selber las (und an das ich mich erinnere, weil es großen Eindruck auf mich gemacht hat) war: “ Was gibst du mir für meinen Fisch?“.

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Ein Buch über das Tauschen von Lebensmitteln – am Beispiel eines Fischers, der seinen Fisch gegen Brot tauscht, und das Brot gegen Gemüse oder gegen das Schleifen von Werkzeug.

Bevor es das Geld gab.

Heutzutage würde sich mein Messerschleifer bedanken, wenn ich ihm einen Fisch als Gegenleistung anschleppe (obwohl, man weiß es nicht…).

Nun gibt es ihn wieder, den Tauschhandel – Tausch 2.0 sozusagen. Es gibt das junge Unternehmen ‚Do me a favour‚: Mithilfe einer App können sich Bewohner in einer Region miteinander vernetzen und gegenseitig einen Gefallen tun.

Das Prinzip „Ware gegen Ware“ aus der Frühzeit des Handels ist wieder da. Es gibt eine Sehnsucht nach einfachen Strukturen, in einigen Städten gibt es schon eigene Währungen…

Die Food Swapper tauschen entweder Lebensmittel in ihrer natürlichsten Form (frisch vom Baum, Busch, Feld etc.), oder eben verarbeitete Lebensmittel.

In den USA  – z.B. in New York – gibt es die BK Swappers, in Los Angeles den L.A Foodswap und in Großbritannien gibt es Apples for eggs. Die britische Variante gründete sich 2011 in der Nähe von Manchester und man tauschte tatsächlich die Äpfel aus dem eigenen Garten gegen die Eier von Nachbars Hühnern. Apples for Eggs eben…

Auf der Seite des Food Swap Network kann man übrigens weltweit Food Swap Gruppen suchen.

In Deutschland wurde der erste FoodSwap 2013 – natürlich in Berlin – von Cathrin Brandes von Tidbits gegründet: der FoodXchange Berlin. Die Food Swapper, die eigene Apfelbäume haben, sind eher in der Minderheit (aber immer herzlich willkommen!), dafür haben wir Urban Gardens oder gute Obst- und Gemüsehändler – und jede Menge Phantasie…

Außerdem gibt es da (auch in Berlin) noch eine schwedische Lady, Malin Elmlid, die ihr sehr großartiges Sauerteigbrot gegen alles Mögliche tauscht, darüber bloggt – und auch noch ein Buch dazu geschrieben hat.

Neugierig geworden?

1. Oh swappy days: FoodXchange Berlin

Seit Herbst 2013 bin ich selbst Mitglied im  „FoodXchange Berlin“.

Das Prinzip ist einfach: man meldet sich über Facebook an, bekommt dort Infos, wo und wann der nächste Swap stattfindet, geht einkaufen, stellt sich in die Küche, macht gute Musik an, und legt los…:

  • Selbstgemachtes (Marmelade, Chutneys, Pestos, Kekse, Kuchen, Brownies, Sirupe, selber gemachte Gewürzmischungen),
  • kleinere Mengen von gekauften Gewürzen (häufig braucht man einige Gewürze nicht so häufig, verpackt den „Überschuss“ nett und tauscht ihn ein),
  • Kochbücher, die selten benutzt werden, können ebenso getauscht werden,
  • gerne auch kleine Küchenhelfer, die man mal angeschafft hat und die die Schubladen verstopfen,
  • Kräuter, die man gesammelt hat
  • oder oder oder…

Jeder packt seine „Schätze“ aus, dann wird begutachtet und probiert, sich über die Zubereitung ausgetauscht, gefachsimpelt – und dann getauscht. Die Idee ist so einfach wie gut.

Und das Ergebnis kann sich sehen lassen!

In meiner Speisekammer und im Kühlschrank finden sich jetzt so tolle Dinge wie z.B. ein Kombuchapilz, Lakritzkekse, Apfelthymiansenf, Olivenkonfekt, Chai Sirup, Knoblauch in Karamell, Salzzitronen, Olivensalz, Amaretto-Aprikosenmarmelade, Bacon Jam, ein Sauerteigstarter (inkl. Gutschein zum „betreuten Backen“), Mohnpesto, Currytomatensuppe im Weckglas, Nussschokoladencreme, dichte und sehr köstliche Brownies und Blondies (ein Stück wiegt 160 Gramm- ich hatte 8 davon!), Erdbeer-Balsamico-Marmelade, Hanfpesto, Krokant, getrocknete Apfel-,Mango-, und Birnenscheiben, Rhabarber-Rosinenchutney und Holunderblütensirup!
Unmöglich alles aufzuzählen, im übrigen habe ich auch schon ziemlich viel davon aufgegessen…

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Wer jetzt meint, es werden immer „schrille Dinge“ (sozusagen der letzte „heiße Scheiß“ im Foodbereich) hergestellt: weit gefehlt! Ich ertauschte außerdem Apfelgelee, Apfelwein aus Äpfeln von der Landstraße, einen frisch gebackenen Hefezopf, Sauerteigbrot, Apfelmus, Himbeerketchup, Zitronenkuchen, Grünkohl aus dem Garten, Biolinda aus dem Garten, russische Minipfannkuchen, Topinambur, Quitten, Schokocookies…

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Wer keinen eigenen Garten hat, dem hilft hier die Seite der „Mundräuber“ weiter – Mundraub ist eine Seite, die zu „herrenlosen“ Obstbäumen, Büschen und Kräuter an Landstraßen, Straßen und Wäldern führt (Infos dazu hier).

Letzte Woche bekam ich einen schönen Tipp von Inés Lauber von Culinary Concepts zum Thema ‚Kräuter sammeln‘: auf Friedhöfen kann man prima Kräuter finden  – und dort finden sich auch seltene und alte Sorten.

Und wie funktioniert der FXC?

Es gibt einen Tauschzettel, dort trägt man seine mitgebrachten Dinge ein, und wer sich für ein Produkt interessiert, trägt sein potentielles Tauschprodukt ein – jeder tauscht nur was und mit wem er möchte…

Ich bin z.B. nicht so der Typ für Scharfes – und tausche daher keinen Kimchi oder Chiliöl oder andere Dinge, die einen Tinnitus am Gaumen auslösen (Danke, Effilee für diese Headline).

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Wer keine Zeit hat, selber was zu machen (oder erst mal nur gucken möchte), kann gerne (saubere) leere Gläser (am liebsten mit neutralen Deckeln) und Flaschen mitbringen, denn FoodXchanger brauchen für ihre Produkte IMMER Behältnisse!!!

Wir hatten beim FXC auch schon Besuch von Studenten einer Kopenhagener Kochakademie, da gab es jede Menge leckere Dinge mit Lakritz (Sirup, Kekse, Bonbons).

Kleiner Tipp: drei mal drei unterschiedliche Dinge mitzubringen ist besser, als neun mal die gleiche Sache (ich hatte beim ersten FXC diverse Gläser meiner Karamellmarmelade mit Fleur de Sel dabei – das mochte nicht jeder, also konnte ich nur mit den Karamellfreunden tauschen).

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Inzwischen gibt es einen „frequent swapper circle“ aber es kommen auch immer wieder neue Swapper dazu und bereichern das Angebot.

Der Ort zum Tauschen war lange die Markthalle Neun in Kreuzberg, der „Bauch von Berlin“, wechselt aber auch, mal zu den Culinary Misfits, manchmal hängen wir uns an größere Veranstaltungen dran, wie z.B. zum ‚Food Swapping Day‘ im Kaufhaus Jandorf bei der Berlin Food Week.

Wanna swap? Hier ist die nächsten Termine:

Wann und wo?

9.3.2016 – 18.00

Markthalle 9 in Berlin Kreuzberg (hier gibt es ca. 4 mal pro Jahr ein FoodXchange vor der „Kantine“.

Außerdem in der Regel am letzten Montag im Monat im Sally Bowles, Eisenacher Str. 2, Berlin-Schöneberg!

Info: https://www.facebook.com/foodxchangeberlin

Blog: https://foodxchangeberlin.wordpress.com

UPDATE: hier kann man was über den FXC in der F.A.S am Sonntag lesen.

Und hier gibt es bewegte Bilder dazu (ARD Buffet – geht los ab Minute 7)

 

2. Bread Exchange

Eine andere Art des Food Exchange, aber nicht minder spannend – der Bread Exchange: die Schwedin Malin Elmlid backt sensationelle Sauerteigbrote aus Bioweizen und „altem“ Sauerteigstarter – und tauscht gegen…im Prinzip so ziemlich alles: Dienstleistungen, Geschichten, Marmelade (ich tauschte mit ihr meine Mango-Kokosmilch-Chili-Marmelade, und hatte dazu auch noch ein sehr nettes Gespräch in ihrer Küche.

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Ende 2009 startete Malin ihr Bread Exchange Projekt – sie experimentierte mit Sauerteigbrot, bis sie so richtig zufrieden war, und schenkte es ihren Freunden. Bis einer ihr etwas dafür im Austausch gab – die Idee des Bread Exchange war geboren…

Seitdem reist Malin mit ihrem Sauerteig im Handgepäck, und backt ihr Brot und tauscht – wo immer sie ist (und sie ist viel unterwegs).

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Bei unserem Gespräch erzählte sie mir, dass in Schweden der Sauerteig eine Kulturinstitution ist – fast jeder macht Sauerteigbrote selber – aber was macht man mit dem wertvollen Sauerteig, wenn man in den Urlaub fährt?

Die Lösung: es gibt Sauerteighotels in Stockholm.

Dort, im ‚Urban Deli‘ gibt man seinen (Sauerteig-)Schatz ab und für 33 (!!!) EUR pro Woche (!!!) kümmert man sich um das gute Stück und füttert ihn (das kapriziöse Ding möchte regelmäßig Mehl und Wasser, damit die Milchsäurebakterien weiterleben…).

Wäre das eine Marktlücke in Berlin – ein Sauerteighotel? Wie fühlt er sich am wohlsten – im Ivar-Regal von Ikea, in Designklassikern von Eames? Altbau, Neubau, Bauernhof, Townhouse? Ich denke drüber nach…

Wo war ich? Ach ja – beim Bread Exchange und Miss Malin Elmlid.

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Malin wird natürlich auch oft gefragt, ob sie ihr Brot kommerziell backen möchte? Möchte sie nicht! Zumal das Brot sehr teuer wäre (das Brot muss regelmäßig gefaltet und geknetet werden, manchmal stellt sie sich nachts den Wecker „das kann keiner bezahlen“) – daher gilt für das Bread Exchange: „Everything is not for sale…“.

Es gibt außerdem noch das wunderbare (Koch)-Buch von Malin Elmlid, Geschichten, die Malin beim Brottausch erlebt hat, Reiseberichte – und dazu diverse großartige Rezepte. Das Buch habe ich hier besprochen.

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Wer mit Malin tauschen möchte: auf der Facebookseite wird (gerne auch mal kurzfristig) Brot zum Tausch angeboten.

Das Brot ist übrigens der Hammer, weich, aromatisch, großporig, die perfekte Menge Salz (isländisches (!) Salz von Nordur) und es sieht super aus. Versucht also unbedingt mit Malin zu tauschen!!!

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http://thebreadexchange.com

Fazit: für alle Foodies, Experimentierfreudige, alle, die immer schon mal wissen wollten, wie spicy Mohnpesto schmeckt, für alle, die immer schon mal Kombucha selber machen wollten, oder alle, die noch keinen Wasserkefir haben, für alle Sauerteigfreunde und eben alle, die einfach mal interessante neue kulinarische Kontakte suchen:

YOU ARE WELCOME!

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