Zusammen isst man weniger allein! Gemeinsames Mittagessen in der niedersächsischen Provinz

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Ehrenamt, Gemeinsam essen

Gemeinsam essen. Großartige Sache! Den Landfrauen in Niedersachsen sei Dank!

Wir FoodBlogger und FoodBlogleser, Smoothietrinker, From-Nose-To-Tail-Esser, Natural-Wine-Fans, Unverpackt-Einkäufer, Kale-Junkies, Craftbeerspezialisten oder Fairtrade-Bio-Filterkaffeetrinker – uns fehlt ja manchmal ein bisschen die Bodenhaftung in unserer Foodie-Blase.

Wenn ich nach Hause komme, dann muss ich  mit meiner Mutter nicht darüber reden, dass ich mein Sauerteigbrot selber mache (damit ist sie aufgewachsen), meinen Kaffee von Hand filtere (macht sie schon immer so), oder das Apfelmus oder die Marmelade selber mache (was denn sonst?).

Und immer wenn ich an einem Freitag bei unserer Mutter zuhause bin, bin ich gleich noch ein bisschen  geerdeter, denn dann gehen meine Kinder und ich mit Oma zum „Mega-Mittagstisch“.

Der „Mega-Mittagstisch“ ist eine Initiative der örtlichen evangelischen Kirche: jeden Freitag ab 12 Uhr trifft sich, wer Zeit und Hunger hat, im Gemeindehaus, sitzt an großen Tischen – und isst. Gemeinsam mit den Nachbarn, dem Pfarrer, der ehemaligen Schulkameradin oder auch mal mit jemandem, den man nicht kennt (oder nur vom Sehen) – und sich dann angeregt unterhält. Oder auch nicht. Wie man mag. Auf jeden Fall sitzen alle zusammen und essen. Ich erfahre immer ein bisschen neuen Klatsch und Tratsch aus dem Dorf  – auch immer schön.

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Das Essen? Wie bei Muttern! Zum Beispiel in der letzten Woche: Schinkennudeln mit Tomatensauce und mit Käse überbacken. Dazu Gurkensalat (mit der Salatsauce aus der Kindheit – Sahne, Zucker, Essig), zum Nachtisch eine Quarkspeise. Oder Kartoffelpuffer (dann fangen die Landfrauen schon morgens um acht an zu schälen und zu reiben). Oder Eier in Senfsauce. Oder Hühnerfrikassee. Und dann eine Rote Grütze mit Vanillesauce oder einen Schokopudding. Und im Sommer Bratwürstchen mit diversen Salaten. Sehr beliebt sind Kohlrouladen (die sind auch wirklich gut) und eben die Kartoffelpuffer. Zum Abschluss einen Kaffee mit (Dosenmilch und Würfelzucker) und eine große Schüssel voller Schokokekse.

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Ungefähr 20 Frauen gehören zum Ehrenamtlichen-Team „Mega Mittagstisch“, vier davon kochen abwechselnd, der Rest hilft. Gibt es Bratwürstchen, bringt jede einen Salat mit. Der Essensplan wird immer für ein Quartal im voraus erstellt  – bei „Kaffe“ (in Niedersachsen sagt man „Kaffe“) und Kuchen, natürlich. Der Menüplan findet sich dann im monatlich erscheinenden Gemeindeblatt.

Die Gäste? Eher 60_plus (der Älteste ist 98), mehr Frauen als Männer, aber auch viele Ehepaare und auch mal Großeltern mit Enkeln, wie bei uns. Viele Handwerker legen ihre Pause so, dass sie hier zu Mittag essen – nur der Postmann nicht – der hat keine Zeit. Oder Eltern, die ihre Kinder aus dem Kindergarten nebenan abholen. Meine Mutter z.B. pflegt hier ihr Netzwerk, klärt mit den diversen Menschen, was wann so ansteht im Dorf (Blutspenden, Backen für den Kaffeeklatsch mit Flüchtlingen, Tag der offenen Tür der Feuerwehr, Chorprobe des Gospelchors etc.), gibt mit ihren Enkelkindern an und vielleicht verabredet sie sich fürs Wochenende zum Kinoabend im Gemeindehaus  – diese Wochen Screen: „Luther“.

Auf den Tischen: immer frische Blumen und Karaffen mit Wasser und Zitronenscheiben. Kein Industrialstyle. Kein Essen aus Weckgläsern. Kein Matchalatte.

Neben der Essensausgabe steht ein Topf mit Einwurfschlitz fürs Geld – 3 Gänge plus Kaffee und Plätzchen kosten € 3,50.

 

Nachschlag ist möglich und erwünscht. Das Küchenteam ist seit 5 Jahren ein fast unverändertes Team, die Frauen verstehen sich gut. Inspiriert wurde das Team vom Mittagstisch der Nachbargemeinde. Mit 30 Gästen fing alles an – jetzt sind es 100-120.

Im Flur verkaufen die Landfrauen selbstgemachte Marmelade, Eier oder Honig, da steht einfach ein Korb mit Gläsern, daneben Eierkartons und ein leeres Glas für die Bezahlung (die Summe stimmt übrigens immer). Außerdem gehört zum“ Serviceangebot“: ein Bücherregal – einfaches Prinzip: ein Buch mitbringen, ein anderes dafür mit nach Hause nehmen.

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Es geht hier um so viel mehr, als um die reine Nahrungsaufnahme (dabei ist es vielen ganz egal, was auf dem Menü steht – Hauptsache gemeinsam essen. Viele Gäste freuen sich die ganze Woche auf den Freitag (nur an Feiertagen oder in den Ferien bleibt die Küche kalt). Längst ist der „Mega-Mittagstisch“ eine feste Institution im Dorf – und für die ältere Generation ist er ein Segen.

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Ob so was auch in der Großstadt funktionieren würde? Warum eigentlich nicht! Auf einen Versuch kommt es an. Meinetwegen auch mit Fairtrade-Bio-Filter-Kaffee und Chiapudding.

 

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