Japanisch kochen – mit europäischem Blick: das neue Kochbuch von Stevan Paul „Meine japanische Küche“

WAS ERLAUBEN PAUL? Ein Schwabe schreibt ein japanisches Kochbuch. Eine Langnase! Das muss man sich ja auch erstmal trauen! 

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Es ist ja nicht so, dass es keine Kochbücher über die japanische Küche gibt. Im Gegenteil. Jede Menge. Aber der Funken springt da bei mir nur selten über. Ich koche am liebsten aus dem Buch von Nancy Singleton Hachisu – Japanese Farm Food (Nancy Singleton Hachisu ist aus Kalifornien und mit einem Japaner verheiratet – und sie lebt seit langer Zeit in Japan) – auch sie  – eine Langnase. Büchern von Japanern oder Japanerinnen geschrieben sind technisch großartig aber nicht für den deutschen Markt geschrieben  – und vom Ton häufig eher spröde und unempathisch (z.B. Kimiko Barber). Haruki Kurihara gefällt mir da schon besser. Kann sein, dass jetzt der eine oder andere sagt „egal, Hauptsache, die Rezepte sind gut“. Ja und nein. Ich persönlich lese auch gerne abends im Bett Kochbücher – und freue mich, wenn jemand schön schreiben kann. Stevan Paul kann schön schreiben, aber „kann er auch  japanische Küche“?

Mein erstes Kochbuch der japanischen Küche war eins aus dem Japanischen ins Englische übersetzt, eher vom Typ „praktisch und eher trocken“ aber eben eins der wenigen englischsprachigen, das ich auf meiner ersten Japanreise 1988 überhaupt fand. Daher gibt es in diesem Buch auch keine Vorschläge für Zubereitungsalternativen, sollte man das eine oder andere Produkt nicht im heimischen Supermarkt bekommen. Ich habe also jede Menge japanische Lebensmittel von meiner Reise mitgebracht, Asiasupermärkte gab es ja noch nicht. Irgendwann waren meine Vorräte aber auch aufgebraucht. Und da es „damals“ quasi kaum eine Chance gab, an japanische Zutaten zu kommen, blieben dann nicht viele Gerichte, die ich  – in der Originalversion – kochen konnte. Das Internet gab es noch nicht und mein kulinarisches Tor zur Welt war die Lebensmittelabteilung vom Kaufhof in Hannover. Also kochte ich eben die Gerichte, die ohne Dashi, Miso, Sake, Nori, Reisessig, Tofu, Daikon (eine Rettichart), Azukibohnen und Mirin auskamen…übrig blieb nicht so wahnsinnig viel: das Tamagoyaki (ein japanisches Omelette, wir kommen später drauf zurück), Gyodon (Reis mit Rindfleisch und Zwiebeln) und Tempura.

Stevan Paul also, Koch, Schwabe und Langnase, schreibt also ein Kochbuch über die japanische  Küche. Aber nicht über die Kaiseki-Küche oder ein Sushi-Kochbuch, sondern eins, dass es jedem Hobbykoch ermöglicht, gute und gelingsichere japanische Gerichte zu kochen.

Hätte es das Kochbuch damals schon gegeben – so wäre die Auswahl der zu kochenden Gerichte für mich deutlich größer gewesen, denn in „Meine japanische Küche“ wird z.B. die Dashi (eine Brühe aus Algen und getrocknetem Tunfisch) einfach „nachgebaut“. Mit mitteleuropäischen Bordmitteln, sozusagen. Zutaten, die es in jedem Supermarkt gibt (und auch damals schon gab) – allerdings musste ich mir Ende der 80er Jahre frischen frischen Ingwer und Sojasauce von meinem Dealer des Vertrauens besorgen – es handelte sich dabei um den Besitzer des chinesischen Restaurants um die Ecke). Das war zwar „nur“ chinesische Sojasauce, aber besser als keine (bevor mir jetzt jemand arrogantes Verhalten gegenüber chinesischer Sojasauce vorwirft – ich habe einfach noch keine Sojasauce aus China, gefunden, die mir schmeckt.)

Neulingen der japanischen Küche nimmt der gelernte Koch Stevan Paul die Scheu, diese Küche hat ja nicht zu unrecht den Ruf, ein bisschen komplexer zu sein. Neben Rezepten für diverse Suppen, gibt es natürlich Rezepte zum Thema „Sushi und Sashimi“, diverse Beispiele aus der Izakayaküche (der japanischen Version der Kneipenküche), z.B. die Miso-Spaghetti mit schwarzem Sesam – wunderbares japanisches Fast Food, dazu Rezepte für den Grill – oder die Grillpfanne (großartig: das japanische Steak mit Misobutter) und Rezepte aus der vegetarischen japanischen Küche. Süßes findet sich in dem Kochbuch genauso (toll: die Schoko-Seidentofu-Mousse, sowie ein Kapitel über Getränke zur japanischen Küche (Sake, Wein, Sherry und Bier). Und weil ich mich ja mit alkoholfreien Getränken zum Essen beschäftige, findet sich nachfolgend zu den Gerichten ab und an ein Tip für ein alkoholfreies Getränk.

Die Gerichte, die mit einem leichten Pinselstrich gekennzeichnet sind, sind keine traditionell japanischen Gerichte, sondern Stevan Pauls eigene Interpretationen der japanischen Küche.

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Dashi – das flüssige Gold

Traditionell wird die Dashi – eine Brühe, die die Basis vieler Gerichte in der japanischen Küche darstellt, aus Wasser, Kombu (einer Seetangart) und Katsuobushi (geräucherter und getrockneter und dann fein gehobelter Bonito) hergestellt. Weil diese Zutaten aber nicht jeder in seiner Speisekammer hat, bietet Stevan Paul eine Dashi aus -Achtung !- folgenden Zutaten an: 4 Sardellenfilets in Öl (kalt abgespült), 50 ml Sojasauce, 1 Knoblauchzehe (geschält und in Scheiben geschnitten), 20 Gramm Ingwer (auch geschält und in Scheiben geschnitten) und 2 Scheiben altbackenes Schwarzbrot oder Graubrot.

Das Rezept klang so unglaublich, dass ich es einfach ausprobieren muss – natürlich mit der nötigen Herablassung. Klar, oder? Sardellen und altes Graubrot für die Dashi…das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Ingwer und Knoblauch werden dazu in 1 Liter Wasser aufgekocht. Dann kommen die Sardellen und die Brotscheiben dazu, das Ganze noch mal aufkochen. Dann vom Herd nehmen und 10 Minuten ziehen lassen. Das Ganze dann durch ein Küchenpapier gießen.

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Der Trester der „falschen Dashi“

Und was soll ich sagen? Eine gute und aromatische Brühe ist das! Die Langnasenversion der Dashi. Kann man sich gut auf der Zunge zergehen lassen…

Und so geht es weiter. Stichwort: Tonkatsu. Das Tonkatsu ist ein japanisches Schnitzel, das im Prinzip, wie das Schnitzel der österreichischen Küche, zubereitet wird, aber vor dem Einbiegen in die Panierstraße noch schnell mit Sojasauce bestrichen wird. Das Schnitzel wird traditionell mit einer Sauce begleitet, die man mit viel Phantasie als Worcestersauce mit Ketchup umschreiben könnte. Und jetzt kommt’s  – hier das Line-up für die Tonkatsu-Sauce von Stevan Paul: Zwiebel, Ingwer, Knoblauch, Ketchup, Apfelmus, Sojasauce, scharfer Senf, Pflaumenmus, Zimt, Muskatnuss, Cayennepfeffer, Piment und schwarzer Pfeffer.

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Die zahlreichen Zutaten für die Tonkatsu-Sauce

Und? Gut! Sehr gut! Und vor allem um Welten besser, als die fertige Tonkatsu-Sauce von Bulldog. Bei der Zubereitung der Schnitzel habe ich übrigens Pizzicato Five gehört, wunderbarer J- Pop aus den 90er Jahren. Das sorgt für gute Stimmung, wenn man die Schnitzel meditativ mit dem Schmetterlingsschnitt schneidet – ich hatte mich zudem für Minischnitzel entschieden  – und das Procedere zieht sich dann ein bisschen. Und auf die Panierstraße muss man dann ja auch noch. Hier lohnt es sich übrigens nach Pankomehl zu suchen  – die Schnitzel bekommen dann einen guten Crisp!

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Tonkatsu vor dem Braten…
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…und danach

Gefallen haben mir die einfachen Rezepte, zum Beispiel das japanische Steak mit Misobutter. Misobutter nehme ich für sehr viele Gerichte. Sie hat sich auch beim Grillen bewährt – statt Kräuter- oder Knoblauchbutter im Baguette, oder über den gegrillten Maiskolben. Und Miso – geht sowie so immer.

Hier habe ich Stevans Steak-Rezept mit einem ähnlichen von Kimiko Barber verglichen: klarer Sieg für Stevans Version.

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Steak mit Misobutter (oben auf dem Teller die Version von Stevan Paul)

Auch die Aubergine mit Miso (Nasu Dengaku) ist ein wirklich einfaches und schnelles Essen. Die Aubergine wird halbiert und mit dem Messer bis kurz vor der Haut eingeschnitten und gegrillt oder gebraten. Dann wird das Ganze mit einer Mischung aus Sake, Miso, Zucker und Mirin bestrichen und noch mal in der Pfanne gegart. Hocharomatisch – mit Sesam und Frühlingszwiebeln garniert. Zur Aubergine mit den ausgeprägten Röstaromen passt ein Kyobancha hervorragend. Das ist ein Grüntee, dessen Blätter nach der Ernte erst gedämpft, dann getrocknet und dann geröstet werden. So entsteht ein besonderer Tee mit rauchigen Tabaknoten, der es gut mit der Auberginen und den Röstaromen aufnehmen kann.

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Aubergine mit Miso

Der mit der japanischen Küche schon vertraute Koch wird in diesem Kochbuch ebenfalls fündig – und kann sich an das japanische Omelett Tamagoyaki heranwagen – hier gilt es, die Eimasse in dünnen Schichten in der Pfanne zu backen und aufzurollen und so zu einem feinen Omelette zu formen (klingt einfach, ist komplex, aber es wird gut erklärt).

 

Der Weg zum perfekten Tamagoyaki ist lang und ein bisschen tricky – aber machbar. Mal ist die Pfanne zu heiß (ganz schlecht), mal nicht warm genug (auch nicht hilfreich), mal klebt die Eimasse an der Pfanne (nicht gut), mal löst sie sich leicht (gut). Ich habe gute Erfahrungen mit den quadratischen Pfannen gemacht, deren Job es ist, ein schönes Tamagoyaki zu zaubern (gibt es online oder im Asiasupermarkt). Jede Pfanne und jeder Ofen ist anders  – da muss man einfach ausprobieren. Mit runden Pfannen geht es natürlich auch, aber dann sind die Ränder eben nicht so schön regelmäßig.

Mit etwas Übung klappt es dann, irgendwann. Wichtig ist, dass nur sehr wenig Fett in der Pfanne ist -am besten klappt dies, in dem man ein Stückchen Küchenrolle in ein Schälchen mit Öl taucht und damit die Pfanne ausstreicht (ich nehme gutes Sojaöl oder Erdnussöl). Seit meinem Bentokurs mit Kaoru Iryama rolle ich die fertige Eirolle noch ein paar Minuten in eine Sushimatte ein. Dann bekommt sie die perfekte Form.

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Nach dem Shaping

Die Eimasse sollte man übrigens nicht mit einem Schneebesen bearbeiten, sondern mit Stäbchen rühren. Durch das Rühren mit den Stäbchen behalten die Eier eine bessere Struktur.

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Rühren der Eimasse – nur mit Stäbchen

Ich habe dazu ein bisschen netten J-Pop von Yumi Matsutoya gehört. Das hebt die Stimmung – gerade wenn die ersten Rollen nicht so perfekt aussehen… Zum Tamagoyaki passt übrigens wunderbar ein gerösteter Grüntee, wie zum Beispiel ein Houjicha. Die Tamagoyaki kann man auch gut vorbereiten und kalt essen- nicht umsonst eine beliebte Zutat in Bentoboxen.

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Tamagoyaki – finally

 

 

Reis kochen: zärtlich lockern, nicht rühren

Funktioniert hat auch das Rezept für den Reis. Rezept für Reis? Japanischer Reis ist ein komplexes Thema. Das ist nicht mal eben so „Kochbeutel-auspacken-und-rein-ins-Wasser“. Reis kochen in der japanische Küche  – da finden sich sich sehr sehr viele Variationen in der einschlägigen Literatur! Einig sind sich alle darin – der Reis wird nicht gesalzen. Und wird lange gewaschen. Der Teufel steckt im Detail.

Ich koche meinen Sushireis seit Jahren mit einem einfachen schmucklosen Reiskocher – und bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Stevan Paul hat für alle, die nicht so ein etwas sperriges Gerät in der Küche haben (wollen), ein ziemlich gelingsicheres Rezept für den perfekten Sushireis, sagt er.

Und?  Klappt auch!

Mein Tipp: zuerst mal entspannte Musik anmachen. Ich habe beim Ausprobieren des Kochbuches viel Musik gehört – und beim Musik-Pairing für den Reis kann ich von Kitaro „Kuripa“ aus dem Album „Full moon story“ empfehlen. New-Age Musik. Wasser plätschert. Flötenklänge. Denn: die Reiszubereitung zieht sich ein bisschen. Alles in allem 2 Stunden sollten eingeplant werden.

Aber ein japanisches Gericht mit der fast meditativen Reiszubereitung zu beginnen, ist immer ein guter Start. Das entschleunigt. Der Reis wird zuerst gewaschen. Das Wasser färbt sich milchig – durch die abgewaschene Stärke. Sieben mal waschen. Im Sieb, das in einer Schüssel hängt. Der Reis wird mit den Händen bewegt bis das Wasser klar ist. Dann ruht der Reis. Dann wird er aufgekocht. Dann köchelt er. Dann ruht er wieder. Dann wird er gelockert. Der Gastrosoph Stevan Paul beschreibt dieses Procedere so: „Zwischendurch den Reis auf der Arbeitsfläche wenden, wieder zärtlich lockern – niemals rühren) und weiter abkühlen.“

Der Reis ist nach wiederholten Versuchen mit dieser Technik wirklich jedes Mal so, wie er sein muss, leicht glänzend, die Körner haften so aneinander, dass der Reis problemlos mit Stäbchen gegessen werden kann.

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Ich habe das klassische Gyodon (Reis in der Schale mit fein geschnittenem Rindfleisch und Zwiebeln in einer lieblichen Soja/Zwiebelsauce) mit statt mit Steakfleisch einfach mit Hackfleisch gemacht – und statt rotem Rettich einfach in Reisessig, Salz und Zucker eingelegte Radieschen genommen. Ging auch gut  – der Reis war perfekt und ließ sich gut mit Stäbchen essen. Dazu passt übrigens gut ein Genmaicha (ein grüner Tee mit geröstetem und gepufftem Naturreis).

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Gyudon mit Hackfleisch

Und sonst?

Die Rezepte im Buch sind gut verständlich, und überwiegend leichtkochig! Jedes neues Kapitel wird eingeleitet durch launig geschriebene Reiseberichte  –  zum Beispiel mit einem Bericht über den Besuch vom Tsukiji (dem Fischmarkt in Tokio) oder dem berühmten Restaurant „Sushi Dai“ auf dem Fischmarkt mit 13 Sitzplätzen und 2,5 Stunden Wartezeit (sogar dann, wenn der Gast, so wie Stevan, bereits morgens um 5 Uhr da ist).

 

„Meine japanische Küche“ ist ein Lesebuch, eine Reisereportage, ein Kochbuch – und: es ist auch ein echtes Kitchentable-Book: in Kirschholzoptik mit schwarzem Spotlack und offener Fadenbindung.

 

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Die Fotos von Andrea Thode sind sehr schön, und das Foodstyling von Stevan Paul himself sowieso und das Styling von Meike Graf: sehr stimmig. Ich persönlich kann allerdings diese leicht angeknitterten und ausgefransten Leinenservietten in den Kochbüchern nicht mehr sehen.

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Die offene Fadenbindung des Buches ist ein Zitat an die japanische Buchbindekunst. Der Vorteil: das Buch liegt immer offen da – man muss es nicht „aufbiegen“.

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Offene Fadenbindung

Die Fotos sind auf Hochglanzpapier gedruckt – matt gestrichenes Papier wäre hier möglicherweise auch eine schöne Alternative gewesen. Aber die Fotos von Andrea Thode wären dann nicht sicher nicht so strahlend herausgekommen… Ich vermisse das eine oder andere Lesebändchen, weil ich doch viel hin- und herblättern musste.

Ein ausführliches Glossar beschreibt die wichtigsten Zutaten der japanischen Küche (oder ihre Alternativen – oder hätte hier jemand gewusst, dass man die Yuzu in der Ponzu-Shoyusauce durch eine Mischung aus Zitrone, Limette und Mandarinensaft ersetzen kann?). Mirin, die fermentierte Süße kann durch Sherry ersetzt werden, der mit Zucker vermischt wird. Wer keinen Reisessig zur Hand hat, einfach Weißweinessig mit Apfelsaft oder hellem Traubensaft mischen.

„Meine japanische Küche“ ist ein wunderschönes und bis ins Detail liebevoll durchdachtes Buch – mit Rezepten für „NewBees“ aber auch „Runaways“ in Sachen japanischer Küche. Selbst wenn man nicht in der Nähe von einem Asiasupermarkt wohnt – das Kochbuch ermöglicht einen barrierefreien Zugang zur japanischen Küche mit europäischen Zutaten.

Fazit: ein Buch von einer Langnase für Langnasen: mit diesem Buch ist man gut gerüstet für die Herausforderung „japanische Küche“ – und wenn Sie dann 5 -10 der Gerichte gekocht haben, werden Sie sich fragen, warum Sie nicht schon früher an die japanische Küche gewagt haben. Ach klar, ging nicht – da gab es dieses Kochbuch ja noch nicht!

Und wenn jetzt noch Fragen offen sind – hier kommt noch ein kleines Interview mit Stevan Paul:

Ein Schwabe schreibt ein Kochbuch über japanische Küche – du traust dich ja was! Was hat dich bewegt, „ausgerechnet“ über dieses komplexe Thema ein Buch zu schreiben?

„Während meiner Lehrzeit bei Albert Bouley in Ravensburg kam ich erstmals mit der japanischen Küche in Berührung, mein Lehrherr verband die klassische Nouvelle Cuisine mit Zutaten und Techniken und Zutaten aus der japanischen Küchenkunst zu etwas völlig neuem. Wir arbeiteten also Ende der Achtziger Jahre schon mit Miso, Wasabi und Nori Algen, das waren damals noch wirklich exotische Zutaten. Ich entdeckte damals Dashi und getrocknete Shiitake-Pilze, Umami! Meine Liebe zur japanischen Küche war entfacht. Die Leichtigkeit der Speisen, der Wumms im Geschmack! Dennoch wäre ich nie auf die Idee gekommen, ein japanisches Kochbuch zu schreiben, zu groß der Respekt vor diese Küche, die eben auch eine Philosophie ist. Ein entsprechendes Angebot des Hölker Verlages lehnte ich darum auch erstmal ab. Der Verlag überzeugte mich letztendlich mit dem Twist: „Japan für Zuhause“, mit der Idee, diese doch eher streng reglementierte Küche quasi zu europäisieren und so einem größeren Kreis zugänglich zu machen.“

Wie lange hast du an dem Buch gearbeitet? Da steckt eine Menge Arbeit drin, oder?

„Für keines meiner Bücher habe ich so lange recherchiert, anderthalb Jahre dauerte die Arbeit am Buch. Ich habe in Tokio die Meister der verschiedenen Disziplinen besucht, ich habe alles gelesen, was es auf dem deutschen Markt an Literatur zur japanischen Küche gab und dann habe ich angefangen englischsprachige Bücher zu lesen. Ich wurde selbst wieder zum Lehrling, um Regeln aufzulockern und lustvoll zu brechen, sollte man das Sujet kennen und zumindest in Ansätzen beherrschen. Die eigene Kreativität habe ich darum auch anfangs ziemlich zurückgestellt.“

Was unterscheidet dein Buch von anderen Kochbüchern über die japanische Küche?

„Wie alle meine Bücher sind Thema und Rezepturen sorgfältig erarbeitet, da finden sich, gerade bei Übersetzungen und Lizenz-Käufen aus anderen Ländern, teils grobe Fehler. Mein Buch ist hier entstanden, sorgfältig erarbeitet, mit dem Wissen um die Begebenheiten und Möglichkeiten hier bei uns. Und mein Buch äfft nicht nach, es will und kann gar kein Buch über die japanischen Küche sein, das wäre anmaßend – es ist ein Buch zur japanischen Küche – mit einem klar europäischen Blick.“

Die Zutaten für die japanische Küche finden sich nicht in jeder Speisekammer. Kann ich auch Gerichte aus deinem Kochbuch kochen, auch wenn ich keinen Asia-Supermarkt in meiner Nachbarschaft habe?

„Definitiv. Das ist das große Thema des Buches, dass es Möglich sein soll und ist, sich der japanischen Küche barrierefrei zu nähern, die japanische Küche in unseren Alltag zu integrieren. Dazu gehören die vielen Alternativen, Kaufempfehlungen und Do-it yourself – Rezepte im Buch – auch wenn es viele Zutaten heute schon im gut sortierten Supermarkt oder Bio-Supermarkt gib. Und wer z.B. mit Kombu und Katsuobushi oder Shichimi Togarashi arbeiten will, erfährt im Buch, was das ist und wie es eingesetzt wird – und bekommt solche Zutaten garantiert auch über eine einfache Online-Bestellung. Alle Gerichte funktionieren aber auch so, oder mit einfachen Alternativen.“

Die japanische Küche entwickelt sich zu einem kulinarischen Trend. Warum? Nach Thailand, Vietnam – jetzt Japan. Izakaya-Restaurants öffnen hier und da. Gerichte mit Miso finden sich auf den Menüs der meisten Sternerestaurants. Was macht diese Küche aus, dass sie uns so fasziniert?

„Ein Trend entsteht immer aus einer gesellschaftlichen Notwendigkeit, sagen die Soziologen und das ist auch bei kulinarischen Trends zu beobachten. Klar ist da auch Neugierde im Spiel und die Welt ist ohnehin kleiner geworden. Die japanische Küche allerdings passt perfekt in unserer Zeit, in der es bei der Ernährung viel auch um Gesundheit und Selbstoptimierung geht: die japanische Küche ist leicht und geradezu energetisch. Viele Gerichte sind vegetarisch oder gar vegan, wenige Zutaten, kurze Zubereitungszeiten und alles mit viel Geschmack, durch Dashi, Miso, Sojasaucen, evt. – das ist moderne Küche, wie sie jetzt gefragt ist. In Japan pflegt man zudem seit ein paar Jahrhunderten schon jene kulinarischen Tugenden, die hier bei uns noch nicht so lange entdeckt und bewusst gelebt werden: regionale und saisonale Produktküche, mit besten, natürlichen Zutaten. Auch eine Küche, in der heutige Schlagwörter wie Nachhaltigkeit und Achtsamkeit eine Grundphilosophie sind, vom Feld bis in die Küche, von der Zubereitung bis zur ansprechenden Präsentation der Speisen.“

Wird der Trend ein langfristiger sein? Und: ist das nur in Deutschland ein Trend? Sind wir in Deutschland mal wieder hintendran – oder sind wir gar Trendsetter?

„Wie immer sind wir hintendran, ich finde das aber mittlerweile gar nicht mehr so schlimm, dass in Deutschland alles etwas länger dauert, das heißt nämlich im Umkehrschluss, dass die Deutschen nicht gleich auf jeder neuen Sau durchs Dorf reiten. Bei uns entwickeln sich Trends langsam, denken wir bspw. an Craft Beer, Third Wave Coffee und Streetfood. Dafür ist so ein Trend bei uns oft von überraschend langer Lebensdauer, wird Teil unseres kulinarischen Alltags. Das sage ich auch für die jetzt beginnenden Japan-Welle voraus.“

Noch ein Buch zur Ausstattung des Buches: Holzoptik, Spotlack, offene Fadenbindung – very very japanese, isn’t it?!

„Ich habe mit dem Hölker Verlag, wie mit meinen anderen Verlagen auch, großes Glück: wir sind alle gemeinsam daran interessiert, gute Bücher zu machen, die auch optisch und haptisch anspruchsvoll sind. Die offene Fadenbindung ist eine Reminiszenz an die japanische Buchbindekunst, hat aber auch ganz praktische Funktionen: immer liegt das aufgeschlagenen Buch plan vor einem, es gibt kein „verblättern“ während des Kochens und weniger Lichtspiegelungen beim Betrachten der Bilder. Statt des, bei Kochbüchern immer noch schwer angesagten, rau-offenen Papiers, haben wir uns für Hochglanzpapier entschieden, die Fotografie ist darauf einfach brillant wiedergegeben. Persönlich mag ich auch den schlichten aber eleganten Titel, ohne Fotos – für einen Kochbuchverlag ein mutiger Schritt! An dieser Stelle ist mir wichtig zu sagen, das dieses Buch, eine echte Teamarbeit ist, bei der alle in Hochform waren: Gestalterin Gesa Sandner, Stylistin Meike Graf, Fotograf Andrea Thode und der Verlag, haben dieses Buch zu einer echten Schönheit werden lassen.“

Wer jetzt so tapfer durchgehalten hat, der hat jetzt die Möglichkeit, ein Buch zu gewinnen! Der Hölker Verlag hat mir neben dem Rezensionsexemplar auch noch ein Buch zur Verlosung zur Verfügung gestellt (vielen Dank dafür!). Also: einfach in einem Kommentar bis zum nächsten Sonntag hinterlassen, warum dieses Kochbuch in eure und Ihre Kochbuchsammlung aufgenommen werden sollte. Die Gewinnerin oder der Gewinner wird dann schriftlich benachrichtigt!

Stevan Paul MEINE JAPANISCHE KÜCHE, 224 Seiten, Hölker Verlag, 32€

 

 

 

 

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29 Gedanken zu “Japanisch kochen – mit europäischem Blick: das neue Kochbuch von Stevan Paul „Meine japanische Küche“

  1. Liebe Nicole,
    vielen Dank für so eine ausführliche Rezension. Die macht wirklich Lust auf Japan, die Küche und natürlich das Buch.
    Meine beste Freundin ist ein großer Japanfan und weil sie erneut auf eine Japanreise spart, würde ich ihr mit dem Buch gerne den Countdown auf diesen nächsten großen Urlaub versüßen.
    Sie kocht genauso gerne wie ich, weshalb das Buch bei ihr perfekt aufgehoben wäre.
    Beste Grüße und vielen Dank auch für das Gewinnspiel,
    Daniela

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  2. Vielen Dank für den ausführlichen Bericht! Er macht große Lust auf das Buch – das allein wäre schon ein Grund, es unbedingt gewinnen zu wollen. Noch ein zweiter: Ich bin großer Umami-Fan. Und ein dritter: So richtig viel Ahnung habe ich nicht von der japanischen Küche … Es wäre großartig, mich mit dem Buch einlesen zu können!

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  3. Ich war vor Kurzem in Asien unterwegs und seitdem von der Küche noch mehr begeistert. Das Buch kommt gerade zum richtigen Zeitpunkt und fehlt noch in meinem Regal.

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  4. Ich würde mich freuen, da ich so gerne japanisch essen gehe, aber außer Sushi noch nie japanisch gekocht habe, da dies gewisse Virtuosität benötigt. Ich hoffe, dieses Buch kann dafür sorgen, einen tieferen Blick in die japanische Küche zu erhalten.

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  5. Ich liebe die japanische Küche, sie ist so rein und natürlich, ohne diese allesübertünchenden Zusatzstoffe. Leider habe auch ich noch nicht so wirklich viel japanisch zu Hause gekocht, da es irgendwie immer sehr kompliziert erschien…da würde ich mich natürlich sehr über dieses Buch freuen 🙂

    VG
    Andrea

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  6. Die japanische Küche ist für mich noch komplett neu – über Sushi bin ich noch nicht hinausgekommen, aber diese Rezenssion lässt schon erahnen, dass es da viel zu entdecken gibt. Mich hat tatsächlich immer abgeschreckt, dass ich die Zutaten jagen muss und nach langer Suche dann erst nicht fündig werde. Da scheint das Kochbuch wirklich mehr auf die hießigen Gegebenheiten abgestimmt zu sein.
    Würde mich sehr freuen, meinen kulinarischen Horizont zu erweitern!
    Lg, Miriam

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  7. Diese Rezension ist seit langen mal wieder eine, die mich wirklich neugierig auf das Kochbuch macht! Ich liebe die japanische Küche, aber habe mich noch nicht selbst dran getraut. Das liest sich sehr ermutigend – ich würde es gerne selbst probieren.
    Viele Grüße, Christina

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  8. Ich vergöttere die japanische Küche! Eine Misosuppe zum Frühstück, mittags ein paar Udonnudeln und abends diverse Scheibchen Sashimi und gerne auch etwas Shabu-Shabu… Das Buch würde ich hüten wie einen Schatz!

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  9. Wunderbare rezension. Abgesehen davon, dass mir das Blättern im Buch beim letzten Buchladen-Besuch schon arg Lust gemacht hat, bin ich nach dem Artikel jetzt ganz heiß aufs Ausprobieren. Leichte Gerichte, mit dem Maximum an Wumms – genauso sehe ich es auch! Eine der spannendsten und elegantesten Landesküchen, vor der ich immer einen Heiden-Respekt hatte als Langnase 😉

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  10. Tolle Rezension. Ich habe den Eindruck das Hintergründe gut dargestellt sind. Es wird auf Details hingewiesen, sodass ein gutes Gelingen gesichert ist. Aufgelockert mit den Geschichten, schaut man über den japanischen Tellerand. Freue mich drauf.

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  11. Was für eine gute und ausführliche Besprechung. Nicht nur die hat mich neugierig auf das Buch gemacht, sondern auch das Thema an sich > habe mich an japanische Küche bisher nicht „rangetraut“, wenn ich das Buch gewinnen sollte, wäre das natürlich etwas anderes 🙂

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  12. In der Vergangenheit hatte ich das Glück einige Reisen nach Japan zu unternehmen. So kommt jedes Jahr im Winter das japanische Fernweh zurück. Alltagstaugliche Rezepte für mich als Langnase klingen sehr verlockend. Nach dieser ausführlichen Rezension ist das ein Buch für den Wunschzettel. Gruß illy

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  13. Vielen Dank für die ausführliche Besprechung, das Buch klingt so als ob es bestens in meine Küchensammlung passt.
    Bestand japanische Kochbücher: 0
    aber dafür
    Bestand gerösteter Sesam: 3 Dosen
    Bestand japanische Sojasauce: 5 Flaschen
    Bestand getrocknete Kimchi-Algen: 20 Päckchen (die sind leider sehr gut)
    Damit könnte ich doch starten, oder?
    Alltagstaugliche Rezepte sind immer gern gesehen und nachdem ich Stevan Pauls Festival-Kochbuch schon richtig praktisch und gut finde … 🙂
    LG Katrin

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