Die Dattel  – eine Geschichte voller Missverständnisse!

Querverkostungen sind immer eine gute Idee! Immer! Wirklich!

Wenn man ein Produkt richtig kennen lernen möchte, dann lohnt es sich immer, unterschiedliche Versionen des Produktes zu probieren. Nur so sieht und schmeckt man die Unterschiede. Und kann dann den persönlichen Favoriten ermitteln.

Manchmal stelle ich dann fest, dass mein bisheriger Favorit gar nicht mehr so toll schmeckt, wie andere seiner Art. Dabei ist das, was man seit Jahren kennt, eben die Benchmark. Gewohnheitstier und so. Und dann ist da plötzlich eine bessere Version. Bestes Beispiel: Nutella. Damit wurde ich quasi sozialisiert. SO musste Schokocreme schmecken.

Und dann war da diese Schokocremeverkostung für den Tagesspiegel mit 20 Sorten Schokocremes und plötzlich schmeckte der langjährige Favorit gar nicht mehr so toll, sondern ein  – leider teureres – Modell schmeckte besser! Und war von besserer Qualität. Und ohne Palmöl.

So ähnlich ging es mir mit Datteln. Gut, die esse ich nicht jeden Tag in Mengen, aber kaufe seit Jahren welche aus dem Bioladen. Die kommen ins Müsli oder in die Energiebällchen. Manchmal in den Salat oder ins Dressing.

Ich habe mich nie besonders mit Dattelbackroundinfos beschäftigt, ich wusste, dass Datteln, die man im Supermarkt kauft, mit Pestiziden belastet sind und habe daher die Bioversion gekauft. Weder wusste ich die Sorte (es ist Deglet Nour), noch dass es unterschiedliche Sorten gibt (es gibt rund 1500). Eine Dattel ist eine Dattel ist eine Dattel. Dachte ich.

Und dann erzählte mir Henrike Höhn, dass sie im Genusswandel (Ernährungsberatung), eine Dattelverkostung plante. Leider konnte ich an dem Abend, mit Georg Huber, DEM Dattelgott und Gründer von Nara, nicht teilnehmen. Aber: Henrike bot mir eine Exklusivverkostung der Datteln an.

Wisst ihr, wie Datteln wachsen? An Palmen, soviel ist klar und dann?

Tatsächlich wachsen die Früchte der Phoenix dactylifera, die zur Gattung der Dattelpalmen gehört, an großen Fruchtständen, die Fruchtstände hängen an verzweigten Rispen, im Prinzip wie Weintrauben, nur mehr und schwerer.

 

palme dattel

Die Rispen werden ausgedünnt, um die Palme nicht zu überfordern, sie würde im kommenden Jahr weniger Früchte tragen, wenn jede Rispe Früchte tragen würde. Und so reifen pro Fruchtstand mit 400 – 500 Blüten dann 300-400 Früchte heran. Datteln sind nämlich zweihäusige Pflanzen, das heißt, sie haben nämlich entweder nur männliche Blüten (deren Pollen nötig ist, um die weiblichen Blüten zu bestäuben) oder weibliche Blüten welche dann die Datteln ausbilden. In der Regel beträgt das Verhältnis in den Dattelhainen  der männlichen zu weiblichen Dattelpalmen bei 1:50. Klares Matriarchat. Die Bestäubung erfolgt nicht durch den Wind, sondern manuell. Es gibt inzwischen Unternehmen, die sich ausschließlich auf Dattelpalmenpollen spezialisiert haben, mit deren Hilfe die Zucht qualitativ hochwertiger Früchte erreicht wird.

Einige Wochen nach der Befruchtung reifen die Früchte heran und bilden in  5-6 Monaten die Früchte aus. Mitunter werden die Fruchtstände in gewachsten Papiertüten (oder in Netzen aus Palmfasern) verpackt, das schützt vor dem Aufplatzen der Früchte bei Regen oder hoher Luftfeuchtigkeit und vor dem Appetit von Vögeln oder Insekten. Eine Dattelpalme hat übrigens eine Nutzzeit von 80-100 Jahren! So ein Dattelhain muss also gut geplant werden. In der Phase der Fruchtbildung benötigen die Palmen viel Wasser und daher ist eine ausreichende Bewässerung oder ein Zugang zum Grundwasser der Wurzeln nötig.

 Monokultur vs. Permakultur

Auch durch den Klimawandel bedingte veränderte Bedingungen sorgen beim konventionellen Dattelanbau für Probleme. Schlechte Bodenstruktur, Trockenheit, eine zu tiefe Nährstoffversorgung des Bodens, hohe Tagestemperaturen, Trockenheit und Bodenversalzung sind die Faktoren, die eine optimale Erntemenge von bis zu 100kg gefährden. Datteln aus konventionellem Anbau sind empfindlicher gegenüber Schimmelpilzen und werden stark mit Pestiziden bearbeitet.

Traditionelle Etagenwirtschaft ist hier der Schlüssel zum Dattelglück: oben die Dattelpalmen, darunter stehen Obstbäume: Aprikosen, Feigen, und Granatäpfel, und am Boden wachsen Gemüse und Kräuter. So wird das Wasser optimal genutzt und der Boden wird vor Erosion geschützt und das wertvolle Mikroklima bewahrt, denn ursprünglich wuchsen Dattelpalmen an einer natürlichen Wasserquelle, es entstand ein Art Vegetationsfleck, eine Oase (altgr. oasis= bewohnter Ort).

Der Boden ist enorm wichtig für die Qualität der Dattel: auch bei der Dattel hat das Terroir einen nicht unwesentlichen Einfluss auf Geschmack und Qualität.

Die Grundwasserreserve einer Dattelpalmenplantage ist der wesentliche Faktor, der durch die Ausweitung der ineffizienten Monokulturen Landwirtschaft in der Oase gefährdet wird. Durch Absenkung des Grundwasserspiegels droht Salzwasser aus den Salzseen in den Grundwasserspeicher zu gelangen. Verschärft wird das Problem durch den Klimawandel. Aus wirtschaftlichen Gründen wurde der Anbau der Dattelart „Deglet Nour“ in Monokultur vorangetrieben, ein Verlust der Artenvielfalt war die Konsequenz.

Behandlung der getrockneten Datteln erfolgt bei konventionellen mit Schwefel und einem Cocktail der den Schimmel auf dem Transport verhindern soll. Nicht gesund. Bei den Discountern liegt der 100gr. Preis bei € 0,60. Diese Datteln kommen aus Monokulturen, und von fairer Bezahlung und sachgemäßer Lagerung ist hier keine Rede.

Georg Huber wollte das anders machen und macht es anders mit seinem Unternehmen NARA. Er kommt eigentlich vom Brunnenbau und hat 30 Jahre Erfahrung in der Bewässerungsbranche im Nahen Osten. Mit seinem Familienunternehmen unterstützt er Dattelbauern, die Dattelhaine als Permakultur und biodynamisch zu führen, faire Löhne werden auch gezahlt und im Ergebnis bietet Nara 14 Dattel-Sorten an. Außerdem einen aromatischen rohen Dattelessig, Dattelsirup zum Süßen, einen Dattel-Schokoladenbrotaufstrich und „leider“ andere tolle hochwertige Produkte. Ich bin nämlich jetzt angefixt und will mehr von dem Stoff! Es gibt Probepakete bei Nara, mit vier verschiedenen Dattelarten. Dann kann man sich einen groben Eindruck verschaffen – das geht mit vier Sorten auch schon. Plus eine Dattel von der konventionellen Seite. und eure Dattel nach Wahl. Um einen Vergleich zu haben.

Hier sind meine kurzen Verkostungsnotizen.

Die Dattelquerverkostung – may the Games begin:

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Ajwa
  1. Ajwa, die heilige Dattel.

Die Legende sagt, dass der Prophet Mohammed mit einer Frau in Medina sprach, die zufrieden und glücklich war und als er sie fragte, warum sie so glücklich sei, antwortete sie, dass sie regelmäßig Datteln aß. Diese Frau hieß Ajwa. Bis heute wird mit dieser Dattelart, auch Königsdattel genannt,  das Fasten gebrochen.

Das Anbaugebiet dieser Dattelsorte ist Al-Medina in Saudi-Arabien. Ajwa hat eine ausgesprochene angenehme Süße, mit fruchtig – karamelligen Noten, einer leicht pergamentigen Haut und ein weiches Fruchtfleisch. Der Kern löst sich angenehm leicht vom Fruchtfleisch.

Zuckeranteil: 56%

500 gr. € 25,00

 

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Rabbi
  1. Rabbi

Diese Sorte ist eher der trockene und zähe Typ, empfohlen wird, sie vor dem Verzehr eine Stunde im Wasser aufweichen.

Weicht man sie vor dem Genuss nicht auf, ist sie recht zäh, überraschend zurückhaltend bei der Süße, karamell-nussige Noten stehen im Vordergrund. Davon könnte man noch eine zweite essen, ohne einen Zuckerschock zu bekommen. Die Haut ist dünn und kaum spürbar. Sehr angenehm.

Das Anbaugebiet liegt im Dreieck zwischen Afghanistan, dem Persischen Golf und Pakistan. Rabbi ist im Anbau eher der empfindliche Datteltyp und wird mit aus Palmfasern gewebten Netzen vor Insekten geschützt. Rabbi ist eine früher Dattelsorte und wird bereits im August geerntet.

Zuckeranteil: 49%

500gr. € 3,49

 

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Mazafati
  1. Mazafati

Diese Datteln sind frisch und nur minimal getrocknet, das Fruchtfleisch erinnert in seiner Textur an frisches Quittenbrot. Die Haut ist ein bisschen ledrig, das stört kaum. Die Mazafati kommt mit einem runden, süßen Aroma daher und ist fast saftig. Von der Größe einer Pflaume, ist sie ein vollwertiges Dessert und eine tolle Begleitung zum Espresso oder zu einem Assam oder Ceylon. Statt Schokolade.

Die Mazafati wächst in der Nähe des 29. Breitengrades in der Nähe der iranischen Stadt Bam und erlebt so den einen oder anderen Nachtfrost. Diese Fröste sorgen für eine feine Süße und reduzieren die Fasermenge in der Dattel – und man so weniger den Eindruck einer Frucht als einer Praline hat und sie quasi auf der Zunge zergeht.

Zuckeranteil: 56%

500 gr. / € 9,00

 

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Khidri
  1. Khidri

Blind verkostet ist sie dicht an der Sultanine, recht süß und leicht faserig, das klingt schlimmer als es ist. Sie hat eben eine präsente Textur, etwa wie halb getrocknete Birnenringe. Angebaut in Saudi-Arabien, hat sie eine leicht blättrige Haut und eine kastanienähnliche Farbe.

Zuckeranteil: 68% (!)

500gr / € 11,00

 

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Kholas
  1. Kholas

Farblich sind wir eher beim Bernsteinton, geschmacklich starke Karamellnoten, fast wie ein französisches Karamellbonbon. Toll dazu: ein bisschen Fleur de Sel. Oder ein bisschen Shiro Miso.

Zuckeranteil: 27 %

500gr. / € 10,00

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Safawi
  1. Safawi

Fruchtig-karamellig, aber von ordentlicher Süße, die Farbe von dunkelbraun bis schwarze ist sie mit Ajwa verwandt. Safawi hat einen kleinen Kern im Vergleich zur Menge des Fruchtfleisches. Kultiviert wird die Safawi in der Nähe von Medina in Saudi-Arabien. Die Safawi-Palme ist eher der produktive Typ, was den Effekt hat, dass diese Dattelsorte das ganze Jahr über zu bekommen ist.

Zuckeranteil: 56%

500 gr. / € 15

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Anbara

7. Anbara

Diese Dattel kommt ebenfalls aus der Nähe von Medina und ist aufgrund ihrer Seltenheit sie eine der teuersten Datteln. Der erste Eindruck schmeckt sie blumig und wenig süß. Der große Kern lässt sich leicht lösen. Diese Dattel ist ein echter Star auf dem Käseteller, zum Bergkäse, zum Comté, aber auch zum Sbrinz. Schön auch: in Frischkäse dippen oder mit Roquefort füllen, dazu halb durchschneiden und ein bisschen Roquefort in die Mitte geben.

Zuckeranteil: 49%

500 gr. / 25€

 

Könnt ihr noch?

 

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Wanan
  1. Wanan, frisch

Die Wanan wird im Tuwaig Gebirge in Saudi-Arabien angebaut, ist weich vom Fruchtfleisch, recht säurearm aber echt süß, sie hat die Größe einer Pflaume und eine minimale Zimtnote. Es handelt sich bei der Wanan um eine alte Sorte, die wieder entdeckt wurde. Sieist im frischen Zustand eine tolle Entdeckung. Sie ist super im Joghurt mit Granola und frischem Obst, toll zu reifem Käse, zu gerösteten Walnüssen und beim Kaffee am Nachmittag eine gute und gesunde Alternative zu Schokolade, oder was ihr sonst so esst, wenn das Mittagstief anklopft.

Zuckeranteil: 63%

500 gr / € 20,00

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Sukkari
  1. Sukkari

Der Name ist Programm: Sukkari (arab. „Zucker“) ist wirklich ziemlich süß! Eher fest vom Fruchtfleisch, die Haut blättrig-ledrig wenig Kern und viel Frucht. Bei allen Datteln beginnt die Austrocknung an der Stelle, an der sie an der Rispe hing. Bei großen Datteln, wie der Sukkari, bedeutet das, dass Teile der Dattel noch weich sind und andere schon ausgehärtet sind, weil der Zucker kristallisiert. In Saudi-Arabien werden sie in den Kaffee gegeben und süßen den Kaffee mit einer besonderen Note.

Zuckeranteil: 67%

500 gr. / € 20

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Mazafati mit Schokolade

Am Schluss gibt es noch eine Variation zum Thema: eine  Mazafati-Dattel, in Schokolade getaucht und zwar in eine Bioschokolade mit 99% Kakaoanteil.  DAS, liebe Gemeinde, ist eine beeindruckende Kombination: die Bitternoten der Schokolade dimmen die Süße und heraus kommt ein Dessert.

Nicht mehr und nicht weniger.

Auch eine tolle Kombi: Kakao-Nibs zur Dattel!

Übrigens sind Datteln ziemlich gesund: Kalzium, Kupfer, Kalium. Magnesium, Phosphor, Zink, Vitamin A, B-Komplex und Vitamin C.

Der hohe Fructoseanteil bringt schnelle Energie, Ballaststoffe sorgen für ein gutes und anhaltendes Sättigungsgefühl. Man sagt, dass Beduinen monatelang von Wasser und Datteln leben können, ohne Mangelerscheinungen zu haben. Für Diabetiker sind Datteln ebenfalls geeignet: der Zucker wird langsam verstoffwechselt. Und das in Datteln enthaltende Tryptophan wirkt stimmungsaufhellend.

Die Dattel hat übriges auch einen hohen symbolischen Wert: wer als Gast ein arabisches Haus betritt, bekommt zur Begrüßung Wasser und Datteln angeboten.

Zukünftig werde ich wahrscheinlich nur noch Mazafati-Datteln essen – und den Rest meiner Biodatteln: irgendwie verarbeiten.

Alle getesteten Dattelsorten bekommt ihr exklusiv in Berlin bei Henrike Höhn im Genusswandel: www.genusswandel.de

Oder online bei Nara: https://www.narafood.de

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